Zwei Leben

Zwei Leben führen wir,
ein Leben im Stoff,
unser Körper als Vermittler,
handelnd in der Welt,
um Neues zu schaffen.

Das zweite Leben
führt unser Ich
in der Seele,
worin das Echo von früher
regiert im Jetzt.

Bringe Ordnung dort hinein,
reinige sie
nach den Maßstäben
des Geistes.

aus:
jaap van de Weg
geistes
gegenwart
das einmaleins
der inneren balance

Monat: Januar 2015

Drei Leintücher als Andenken

Drei Leintücher als Andenken

 

Eva Mayer-Bahl
Eva Mayer-Bahl, aus dem Gedichtband Weitrleewe, 1982

O O D E N K E

Ich hab drei Leintiichr
im Kaschte gfunne,
die hot die Herschberger
Nannibäsl gspunne.

Schräg iwr die Gass,
do war ich oft driwe.
Als Oodenke sin
die Tiichr gebliwe.

Ich sig sie noch heint,
wie sie spinnt un trett.
Ich war an ihr ghonge,
als wie a so Klett.

’s wäre ihre Haar schun
un Auge vrbliche.
Oft bin ich ganz haamlich
zu ihre gschliche.

Wenn sie jetz wißt,
daß ich vun ‚re tu schreiwe,
tat sie sichr widr sage:
„Kind, du kannsch bleiwe.“

An ihre Fiiß hot sie ghat,
die schwarzgstrickte Schuh.
Ner’s Rädl hot gsurrt,
awr schunscht war a Ruh.

Ich hab in ihrem Garte
die Paredeis derfe esse.
Die Kindheit, die schee,
kann halt koonr vrgesse.

Eva Mayer-Bahl aus „Weitrleewe“ 1982

Herschberger Nannibäsl, geb. Gass Anna wurde 1865 in Apatin geboren und starb 1945 im Vernichtungslager Kruschiwl (Kruševlje – Serbien). Ich weiß nicht, ob sie dort verhungert ist (wurde), oder an Krankheit gestorben ist.

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Grabstein der Herschberger Nannibäsl

Im Vernichtungslager Kruschiwl starben ca. 2500 Donauschwaben, denen vorher die Menschenrechte aberkannt wurden.

Wär‘ der letzte Feind zertreten, stünd‘ allein er am Planeten!

Wär‘ der letzte Feind zertreten, stünd‘ allein er am Planeten!

Peter Rosegger schrieb vor mehr als 100 Jahren das Gedicht: Leute gibt es allerlei. Dieses Gedicht ist dem Gedichtband Mein Lied (1911) entnommen. Er hat hier sehr eindrücklich dargestellt, wie Menschen zusammenleben sollten:

Nicht einander jagen, schlagen, sondern mit Geduld ertragen

Die österreichische Band STS hat dieses Lied 1993 stimmungsvoll musikalisch umgesetzt.

rosegger

Leute gibt es allerlei
Auf der weiten Gotteswelt.
Wem die Sache nicht gefällt,
Wer da ausmarschiert, um jeden,
So nicht sein ist, zu befehden,
Der wird nimmermehr auf Erden
Mit der Fehde fertig werden.

Juden, Slaven, Atheisten,
Welsche, Philosophen, Christen,
Japanesen, Deutsche, Heiden,
Und wie noch die Massen scheiden,
Kasten, Sekten, Nationen,
Die in Gottes Licht sich sonnen,
Alles rollet hin und her
Wie der Wellenschwall im Meer.

Wie die Wässer und die Winde,
Stürmisch hier und da gelinde,
Ewig um den Erdball kreisen,
So in den Naturgeleisen
Wogt die Menschheit hin und wieder;
Schranken, die du heute aufstellst,
Brechen morgen krachend nieder.

Güter, die durch Krieg errungen,
Frieden, so durch Krieg erzwungen,
Reifen neuerdings die Saaten
Aus zu neuen Schreckenstaten.
Nicht einander jagen, schlagen,
Sondern mit Geduld ertragen
Nach dem Rate der Natur,
Ist das Omega und Alpha
Aller Bildung und Kultur.

Wer da ausmarschiert, um jeden
Fremdgesinnten zu befehden,
Der wird nimmermehr auf Erden
Mit der Fehde fertigwerden.
Wär‘ der letzte Feind zertreten,
Müsste er sich selber töten
Als den Rest auf dem Planeten.

Wär‘ der letzte Feind zertreten,
Stünd‘ allein er am Planeten!

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